Es gibt Geschenke, die man kauft. Und dann gibt es Geschenke, die man in Auftrag gibt, weil das Thema es verlangt.
Zum 50. Geburtstag unseres Vereinsobmanns Gregor haben wir uns für Letzteres entschieden — und eine Pavese in historischem Stil bei Lena Seeger von Wappenwerk fertigen lassen. Mit dem Haller Stadtwappen, von Hand bemalt, so wie es im 15. Jahrhundert gemacht wurde.
Was genau eine Pavese ist und warum ein Schild mit Haller Wappen mehr Lokalgeschichte trägt, als man auf den ersten Blick meint — darum geht es in diesem Post.
Klausner Pavese, 2. Hälfte 15. Jahrhundert. Vorder- und Rückseite. Kunsthistorisches Museum Wien, Hofjagd- und Rüstkammer, Inv. A 212. © KHM-Museumsverband
Was ist eine Pavese? Schutzschild der Armbrustschützen
Wer schon einmal eine Armbrust gespannt hat, weiß: Das dauert. Wertvolle Sekunden, in denen man schutzlos dasteht. Die Antwort des Spätmittelalters war denkbar pragmatisch: ein mannshoher Schild, den man einfach vor sich in den Boden stellt.
Die Pavese — benannt nach der norditalienischen Stadt Pavia — ist genau das. Ein großer, annähernd rechteckiger Schild, der einzeln oder zu mehreren am Boden abgestellt eine mobile Schutzwand bildete. Charakteristisch ist der vertikale Mittelgrat, der am oberen Rand in einer Spitze oder einem stumpfen Schnabel endet. Die Bauweise aus mit Leinwand und Pergament bespanntem Holz machte die Pavese leicht genug zum Tragen und gleichzeitig nachgiebig genug, um Pfeile und Bolzen abzufedern.
Die Anforderungen waren klar: groß genug, um einen Mann zu decken, fest genug, damit ein Armbrustbolzen darin stecken blieb und leicht genug für ein Mindestmaß an Mobilität. Manche Exemplare hatten zusätzlich Sichtschlitze oder Schießscharten, damit der Schütze aus der Deckung heraus zielen konnte, ohne sich zu exponieren.
Klausner Pavese, 15. Jahrhundert. Vorder- und Rückseite. Museum Altes Zeughaus Solothurn. © Museum Altes Zeughaus Solothurn
Pavese-Bemalung: Heraldik, Heilige und Rankenwerk
Was die Pavese von anderen Militärschilden unterscheidet, ist ihre Doppelfunktion: Sie war Schutzwaffe und Repräsentationsobjekt zugleich.
Über den Holzkern mit Tierhautbespannung kam eine Kreidegrundierung, auf der in Tempera gemalt wurde, teils heraldische, teils religiöse Motive, oft ergänzt durch Inschriften. Fromme Anrufungen wie „Hilf, Maria!" oder „Hilf, du ewiges Wort dem Leibe hier, den Seelen dort" (hilf / got // du / ebiges / wort / dem // leib / hie / der // selen / dort / hilf / ritter") (Inschrift: Philadelphia Museum of Art, Inv. 1977-167-736, nach Breiding 2019, S. 82) finden sich auf erhaltenen Exemplaren ebenso wie Stadtwappen und Heiligendarstellungen.
Viele Pavesen wurden mit dem Wappen der Stadt bemalt, in der sie hergestellt wurden, und dann im städtischen Arsenal gelagert — bereit für den Fall, dass die Stadt verteidigt werden musste. Die Pavese war damit auch ein Stück städtischer Identität.
Armbrustschützen in Hall in Tirol
Ob Hall im Mittelalter eigene Pavesen besaß, ist nicht belegt. Was wir wissen: Im Haller Zeughaus wurden Armbrustbolzen aufbewahrt, und die Armbrust war in Hall nicht nur Kriegsgerät — mit ihr wurden in Schützengesellschaften noch lange bis ins 18. Jahrhundert sportliche Übungen veranstaltet.
Hall war eine wohlhabende Salzstadt mit einer ernstzunehmenden Bürgerwehr. Zwei Löwen halten im Stadtwappen ein Salzfass — das Salz aus dem Halltal hat die Stadt reich und wehrhaft gemacht. Wie eng Verwaltung und Stadtverteidigung in Hall zusammenhingen, haben wir beim Tag der offenen Rathaustür beleuchtet: Die Bürger mussten ihre Stadt im Ernstfall selbst schützen — das war keine Frage des Adels, sondern eine kommunale Aufgabe.
Die Klausner Pavesen – ein Fund und seine Geschichte
Einen der bedeutendsten Funde spätmittelalterlicher Pavesen gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft: 1871 entdeckte man in einem der Stadttürme von Klausen 59 große und kleine Pavesen aus dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Es war offenbar die Ausrüstung eines Aufgebotes, das im Ernstfall die Stadt verteidigen sollte. Alle zeigen den österreichischen Bindenschild. Die Wappen sind bis heute nicht abschließend gedeutet.
Die Sammlung wurde noch im 19. Jahrhundert über Antiquare in alle Welt verkauft, wobei ein zentraler Kanal die Münchner Kunsthandlung Julius Böhler war, die viele Exemplare an Museen und Privatsammler vermittelte. Was dabei herauskam, ist eine Zerstreuung, die bis heute nachwirkt: Klausner Pavesen hängen heute in Wien, Innsbruck, Solothurn, Philadelphia, Detroit und anderswo. Manche sind verschollen, darunter Exemplare, die einst zur Waffensammlung der Wartburg gehörten. Und da inzwischen mehr als die ursprünglichen 59 Stück bekannt sind, kommen Fälschungen/Rekonstruktionen hinzu, die den Überblick weiter erschweren. Das Exemplar in Schloss Tirol etwa wurde nach kunsttechnologischer Untersuchung als Stück des 20. Jahrhunderts eingestuft.
Wer nachlesen möchte: Die bislang umfassendste Aufarbeitung stammt von Krista Profanter — „Die spätmittelalterlichen Schilde aus der ehemaligen Rüstkammer von Klausen", erschienen im Schlern, 2018.
Wo die Klausner Pavesen heute zu finden sind
| Museum | Ort | Authentizität |
|---|---|---|
| KHM Wien, Hofjagd- und Rüstkammer (Inv. A 212) | Wien, AT | Original |
| Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (Inv. 1) | Innsbruck, AT | Original (lt. Profanter 2019) |
| Südtiroler Landesmuseum Schloss Tirol (Inv. 700413) | Tirol/Meran, IT | Fälschung 20. Jh. |
| Museum Altes Zeughaus Solothurn | Solothurn, CH | Original (erworben 1936) |
| Philadelphia Museum of Art (Inv. 1977-167-747/748/749) | Philadelphia, USA | — |
| Detroit Institute of Arts | Detroit, USA | — |
| Graf Meran'sche Sammlungen, Schloss Schenna | Schenna/Meran, IT | untersucht lt. Profanter 2019 |
| Wartburg-Stiftung Eisenach | Eisenach, DE | verlagert/verschollen |
Der vollständige Katalog bei Profanter (Der Schlern, 2018) verzeichnet weitere Exemplare in Privatbesitz und Auktionshandel.
Eine Pavese für Hall in Tirol – handgefertigt von Wappenwerk
Das Foto zeigt kein Museumsstück. Es zeigt eine frisch fertiggestellte Pavese von Lena Seeger von Wappenwerk — handbemaltes Holz, Rankenwerk in Rot und Grau, schwarzer Rand, und im Zentrum das Haller Stadtwappen mit den zwei goldenen Löwen, die das Salzfass flankieren. Lena hat ihr Handwerk in der Reenactment-Szene entwickelt und daraus ein Unternehmen gemacht — Schilde, Fahnen und Zelte nach historischen Vorlagen.
Beim Bau hat sie sich so nah wie möglich an den Originalen orientiert. Der Schild ist beidseitig mit Leinwand bespannt und beidseitig mit Kreidegrund grundiert, genau wie die erhaltenen Klausner Exemplare. Den Griff hat Lena aus Ochsenziemer in Y-Form fertigen lassen, wie er auf originalen Pavesen belegt ist. Für die Bemalung verwendete sie Ei-Tempera in mehreren Schichten. Lena hat dabei darauf geachtet, die Pigmente so nah wie möglich an mittelalterlichen Originalen zu wählen, aber mit bewussten Ausnahmen dort, wo historische Pigmente gesundheitsgefährdend wären: Das charakteristische Rot ist Zinnober, allerdings in einer modernen Variante ohne Quecksilber. Weiß und Gelb, im Mittelalter aus bleihaltigen Farben gemischt, wurden ebenfalls durch unbedenkliche Alternativen ersetzt.
Formal und ikonografisch passt dieser Schild ins 15. Jahrhundert. Inhaltlich zeigt er direkt auf unseren Vereinssitz.
Zum 50. Geburtstag unseres Obmanns Gregor. Möge er viele Jahrzehnte standhalten — der Schild, und sein Träger!
Und ein großes Dankeschön an Lena!
Quellen & weiterführende Lektüre:
- Krista Profanter: Die spätmittelalterlichen Schilde aus der ehemaligen Rüstkammer von Klausen: ein Beitrag zu Geschichte, Kategorisierung und Provenienz der Klausner Pavesen – mit einem Katalog der bisher nachweisbaren Exemplare, in: Der Schlern 92 (2018), Heft 1, S. 4–70.
- Krista Profanter: Die Pavesen aus der ehemaligen Rüstkammer von Klausen. Eine Spurensuche, in: Beuing/Augustyn (Hg.), Schilde des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, Passau 2019
- Christian Kaiser, Ronja Emmerich, Krista Profanter, Original oder Replik? Kunsttechnologische Untersuchung zur Authentifizierung von drei sogenannten Klausner Pavesen (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck, Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol und Graf Meran’sche Sammlungen, Schloss Schenna bei Meran), in: Raphael BEUING/Wolfgang AUGUSTYN (Hg.), Schilde des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München 46; Schriften der Forschungsstelle Realienkunde 4), Passau 2019, S. 303–324.
- KHM Wien, Hofjagd- und Rüstkammer, Inv. A 212
- Forum Hall in Tirol, Band 1 (Stadtarchäologie Hall)
