Glaube, Alltag und Mode im mittelalterlichen Tirol
Im Tirol des 14. und 15. Jahrhunderts war der Paternoster – eine Perlenkette zum Zählen der Vaterunser-Gebete (pater noster = „Vater unser“) – weit mehr als nur ein religiöses Hilfsmittel. Er diente nicht nur der Andacht, sondern war zugleich sichtbares Symbol für Frömmigkeit, Stand und Stilbewusstsein.
Zahlreiche Tiroler und Südtiroler Bildquellen, Grabreliefs und archäologische Funde belegen, dass der Paternoster zum festen Bestandteil spätmittelalterlicher Alltags- und Glaubenskultur gehörte.
Epitaph der Klostergründer Johann Kummersprucker und Anna von Kastelbark, Augustinerkirche Rattenberg (um 1390) ( CC Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic licens)
Formen und Trageweise des Paternosters
Darstellungen aus Tirol zeigen deutliche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Personen mit Paternostern:
- Frauen tragen meist geschlossene Gebetsketten mit vielen gleich großen Perlen.
- Männer erscheinen meist mit zum Gebet erhobenen Händen und seltener mit einer offenen Paternosterschnur.
Ein Beispiel bietet das Epitaph der Stifter Johann Kummersprucker und Anna von Kastelbark (um 1390, Augustinerkirche Rattenberg). Es zeigt eine geschlossene Gebetskette mit flachen Knochenringen.
Das Stifterbild aus St. Jakob in Grissian (ca. 1395) zeigt eine rote Gebetskette mit metallfarbenen Teilungsperlen und einem flachen Zwischenstück – vermutlich aus Messing oder vergoldetem Metall gefertigt.
Auffällig ist, dass Tiroler Bildquellen manchmal ein vermutlich metallenes Zwischenstück zeigen, während der Paternoster in anderen europäischen Darstellungen oft nur mit einer Tassel verziert oder schlicht zum Ring geschlossen wird. Wie genau dieses Zwischenstück gestaltet war, lässt sich mangels erhaltener Funde nur vermuten.
Materialien und Farben – vom Knochen bis zur Koralle
Paternoster aus Tirol und dem Alpenraum waren aus den unterschiedlichsten Materialien gefertigt. Für einfache Ausführungen nutzte man Holz, Knochen, Horn oder Ton, während wohlhabendere Gläubige Koralle, Bernstein, Gagat (Jet), Perlmutt oder Edelsteine bevorzugten.
Rot scheint eine beliebte Farbe gewesen zu sein, vermutlich aufgrund ihrer Verbindung mit der Blutsymbolik. Auch cremefarbene und weiße Perlen sind in den Bildquellen vertreten; bei weißen Perlen oder flachen Ringen kann es sich möglicherweise um Darstellungen von Knochen handeln.
Funde aus Bozen zeigen Knochenringe und Glasperlen, während in Hall in Tirol facettierte Gagatperlen entdeckt wurden.
Geschlossener Paternoster mit roten Perlen und metallfarbenen Trennperlen am Stifterbild aus St. Jakob in Grissian, Südtirol, um 1395
Hans der Paternosterer bei der Arbeit, Mendelsches Hausbuch Nürnberg (1425) – Darstellung des spätmittelalterlichen Handwerks der Gebetskettenmacher (Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, Amb. 317.2° Folio 13 recto - online unter: https://online-service.nuernberg.de/viewer/hausbuecher/)
Herstellung: Das Handwerk der Paternosterer
Die Fertigung der Paternoster war ein eigenständiges Handwerk. In großen Städten wie Nürnberg, Paris oder Zürich sind seit dem 14. Jahrhundert Paternosterer nachweisbar. Sie spezialisierten sich auf bestimmte Materialien und betrieben ihre Werkstätten meist in der Nähe bedeutender Kirchen.
In London beispielsweise war dies in der Nähe der St. Paul's Cathedral der Fall. Auch archäologisch lässt sich das Handwerk der Paternosterer fassen: Bei einer Grabung in der Konstanzer Münzgasse (1984–1986) kam der bislang umfangreichste bekannte Fundkomplex durchbohrter Knochenleisten zutage, Abfallprodukte aus der Bohrung von Paternosterperlen, mit geschätzt rund 450.000 Fragmenten. Die Funde datieren hauptsächlich zwischen 1272 und der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, mit einer Blütezeit des Handwerks im 14. und vor allem im 15./16. Jahrhundert. Als Rohmaterial diente vor allem Rinderknochen, der günstigste verfügbare Werkstoff neben Holz.
(Quelle: Spitzers, Thomas A.: Die Konstanzer Paternosterleisten. Analyse zur Technik und Wirtschaft im spätmittelalterlichen Handwerk der Knochenperlenbohrer. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg 33, 2013, S. 661–940.)
Paternosterer waren in manchen großen Städten in Gilden organisiert. So gliederte sich die Pariser Paternosterer-Zunft laut dem um 1268 unter Étienne Boileau zusammengestellten Livre des métiers in vier Sparten: Bernstein und Gagat, Koralle und Perlmutt, Bein und Horn sowie Schnallen/Ringe.
Im süddeutschen Raum zählte Nürnberg zu den bedeutenden Zentren in der Herstellung von Paternostern.
Für Tirol selbst sind bislang keine entsprechenden Belege für eine eigene Paternosterer-Zunft bekannt. Die Funde aus Hall, Bozen und Truden belegen jedoch die Verwendung von Paternostern und ihren Bestandteilen in der Region. Wir vermuten, dass der überregionale Handel – etwa über die Brennerroute – den Import hochwertiger Materialien wie Koralle oder Gagat durchaus möglich machte.
Ein zeitgenössisches Beispiel bietet das Nürnberger Hausbuch der Zwölfbrüderstiftung (1425), das einen Paternostermacher bei der Arbeit mit einem Fiedelbohrer zeigt.
Frömmigkeit im Alltag
Der Paternoster wurde wohl nicht verborgen, sondern bewusst sichtbar getragen – am Gürtel oder in den Händen. Er diente demnach sowohl als Gebetswerkzeug wie auch als öffentliches Zeichen persönlicher Frömmigkeit und sozialer Zugehörigkeit.
Dass Paternoster auch sozial aufgeladen waren, zeigen spätmittelalterliche Kleiderordnungen: Eine Nürnberger Kleiderordnung aus dem 15. Jahrhundert schrieb vor, dass keine Frau oder Jungfrau einen Paternoster tragen dürfe, der mehr als zwanzig rheinische Gulden wert sei – ein Hinweis auf die symbolische und ökonomische Bedeutung dieser Objekte im Spätmittelalter.
(Quelle: Nürnberger Kleiderordnung, 2. Hälfte 15. Jh., aus: Joseph Baader (Hrsg.), Nürnberger Polizeiordnungen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart LXIII (Stuttgart 1861))
Archäologische Funde aus Tirol
| Fundort | Zeitstellung | Material & Typ | Quelle |
| Hall in Tirol (Salvatorkirche) | 14.–15. Jh. | Facettierte Gagatperlen | A. Zanesco/R. Schmitz-Esser (Hrsg.), Forum Hall in Tirol. Neues zur Geschichte der Stadt Band 1. |
| Bozen (Laubengasse) | 13.-16. Jh. | Knochenperlen und Knochenringe | C. Terzer, Stadtkerngrabung in Bozen - Ein Keramikkomplex des 13. bis 16. Jahrhunderts aus der Laubengasse. Universität Innsbruck. In: NEARCHOS Band 13, 2004 |
| Truden (St. Blasius) | zweite Hälfte 13. bis erste Hälfte 14. Jh. | Bein-/Knochenringe, Glasperlen und weiteres Zubehör | H. Nothdurfter, Grabungsbericht St. Blasius in Truden |
| Landeck, Pfarrkirche, Grab 47 (Grab des Oswald von Schrofenstein) | vor 1497 | ~27–28 Ringe aus Buchenholz, Lederbänder, Buntmetallringe, Hohlperlen aus Messing | A. Spornberger, "Edle Stein und klare Perl" – Der Betkranz des Oswald von Schrofenstein in interdisziplinärer Betrachtung, 2019, Univ. Innsbruck (Bachelorarbeit) |
| Innsbruck, Domplatz Süd (Friedhof St. Jakob), Grab 162 | vor 1509 (Friedhofsschließung) | 15 Gagatperlen, 2 Paternosterringe aus Bein, 1 Millefiori-Glaskugel (aller Wahrscheinlichkeit nach aus Venedig/Murano) als Teil derselben Schnur | Wink, K./Nutz, B. (2024), Tausend Blumen für's Gebet – Eine Millefiori-Kugel als Bestandteil einer Paternosterschnur vom spätmittelalterlichen Friedhof von St. Jakob in Innsbruck. In: Opfer der eigenen Begeisterung. Festschrift für Harald Stadler zum 65. Geburtstag, NEARCHOS 25, 2024.
Ergänzend: Nutz, B./Kaufer, C./Wink, K./Faller, C./Cagnin, I./Egger, E. (2022): Archäologie in der Innsbrucker Altstadt. Die Baubegleitung der Infrastrukturmaßnahmen 2020–2021. In: Egger, M./Morscher, L. (Hrsg.), "Kanalisation ist eine ganz nette Sache …" Aspekte der Infrastruktur in der Innsbrucker Altstadt, Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Neue Folge 76, Innsbruck 2022, S. 183–212, hier S. 204 |
Miniatur aus dem Roman de la Rose, Bodleian Library MS Douce 195, 004r (2. Hälfte 15. Jh.) – Frau mit geschlossenem Paternoster. © Bodleian Libraries, University of Oxford
Vom „Paternoster“ zum „Rosenkranz“
Der Begriff Paternoster bedeutet wörtlich „Vater unser“. Mit solchen Schnüren wurden die Wiederholungen des Gebets gezählt, ehe sich daraus der Rosenkranz in seiner heutigen Form entwickelte.
Im Tiroler Sprachgebrauch lebt der alte Name weiter: Im Pustertal heißen Rosenkränze noch „Patter“, im Vinschgau „Nuster“ – lebendige Zeugnisse der mittelalterlichen Frömmigkeit in Tirol.
Das Paternoster-Gebet auf Latein
Pater noster, qui es in caelis,
sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum tuum.
Fiat voluntas tua, sicut in caelo,
et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie.
Et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in temptationem, sed libera nos a malo.
Das Paternoster-Gebet auf Mittelhochdeutsch (ca. 1300)
vater unser der da bist in den himeln.
geheiliget wert din name.
zuo kom din rieh.
din wille gewerde in der erden als in dem himele.
unser tegelich brot gip uns hiute.
unt vergip uns unser schulde, als wir vergeben unseren schuldigern.
unt enleite uns nit in bekorunge,
sunder verloese uns von übele. amen.
Das Paternoster-Gebet auf Frühneuhochdeutsch, ca. 1350-1650
Vnser vater ynn dem hymel.
Deyn name sey heylig.
Deyn reych kome.
Deyn wille geschehe auff erden wie ynn dem hymele.
Vnser teglich brott gib vnns heutt,
vnd vergib vns vnsere schulde, wie wyr vnsemn schuldigern vergeben,
vnnd füre vnns nitt ynn Versuchung,
sondern erlose vns von dem vbel,
denn deyn ist das reych, vnd die krafft, vnnd die herlickeyt in ewickeyt.
Amen.
