Spielkarten gehören zu den ersten Dingen, die in Europa je im Holzschnitt gedruckt wurden. Im 15. Jahrhundert entstanden Andachtsbild und Spielkarte mit demselben Werkzeug, von derselben Hand und im selben Verfahren. Erst der Holzschnitt machte aus der teuren, handgemalten Karte ein erschwingliches Massenprodukt für breite Schichten.
Wer an unserem Holzschnitt-Schautisch einen frisch gedruckten Heiligen sieht, ist oft überrascht, wenn direkt daneben eine Spielkarte liegt. Heilig und profan aus derselben Werkstatt. Genau so war es aber. In diesem Beitrag geht es um die Technik dahinter, den Holzschnitt, und darum, warum gerade er das Kartenspiel für breite Schichten überhaupt erst möglich machte.
Seit wann gibt es gedruckte Spielkarten?
Spielkarten kamen im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts nach Europa. Die frühesten Erwähnungen sind meist Verbote, etwa das Florentiner Kartenverbot von 1377. Wenn etwas verboten wird, ist es meist schon verbreitet. Ein früher Beleg stammt sogar aus der Schweiz, ein Kartenverbot in Bern von 1367.
Am Anfang waren Karten teure Einzelstücke. Frühe Quellen berichten von Karten, die in Gold und verschiedenen Farben gemalt waren, also Luxusware für den Hof. Ein berühmtes Beispiel ist der französische König Karl VI., der sich 1392 drei handgemalte Kartenspiele anfertigen ließ. Solche Sätze konnte sich nur leisten, wer sehr wohlhabend war.
Der Holzschnitt änderte das grundlegend. Und hier kommt der für unser Thema entscheidende Punkt: Die ersten in größerer Stückzahl gedruckten Holzschnitte auf Papier waren Spielkarten. Der Begriff Kartenmacher taucht bereits auf einem deutschen Dokument von 1402 auf, das ist einer der frühesten schriftlichen Belege für dieses Gewerbe überhaupt. Von etwa 1418 bis 1450 stellten professionelle Kartenmacher in Ulm, Nürnberg und Augsburg gedruckte Decks her. In dieser Zeit konkurrierten Spielkarten mit den Andachtsbildern um den Rang der häufigsten Verwendung des Holzschnitts.
Das passt zeitlich exakt zusammen. Der früheste datierte europäische Holzschnitt überhaupt ist ein Andachtsbild von 1418, eine Madonna mit vier Heiligen im Garten. Karten und Heilige entstanden also im selben Jahrzehnt, mit derselben Technik. Erhalten ist von den gedruckten Karten allerdings nichts aus der allerersten Zeit. Kein Exemplar gedruckter Spielkarten von vor 1423 ist überliefert, denn Karten wurden benutzt, bis sie zerfielen. Dokumentiert ab 1402, greifbar erst ab den 1420er Jahren, das ist die ehrliche Zeitrechnung.
Basler Karnöffelkarten im Holzschnitt, um 1530
Wie wurde eine Spielkarte im Holzschnitt hergestellt?
Das Verfahren war dasselbe wie beim Andachtsbild und lief in vier Schritten ab:
- Der Formschneider schnitt das seitenverkehrte Bild in einen Holzstock, sodass nur die druckenden Linien erhaben stehen blieben.
- Der Stock wurde eingefärbt.
- Ein Blatt Papier wurde aufgelegt und von Hand abgerieben.
- Zum Schluss kam die Farbe, meist mit Schablonen aufgetragen.
Gerade die Kolorierung mit Schablonen war für Karten entscheidend. Vor der industriellen Papierproduktion druckte man auf Hadernpapier und färbte danach mit Schablonen. Das ging schnell und immer gleich, was bei einem Kartensatz wichtig ist, denn alle Karten einer Farbe sollen zusammenpassen.
Ein Detail aus der Drucklogik erklärt vielleicht sogar die Kartenzahl. Ein Satz mit 48 Karten ließ sich leichter auf zwei Holzstöcke aufteilen als einer mit 52, weil sich 48 glatt in zwei gleiche Blöcke zu je 24 teilen lässt. Ob das der wahre Grund für die verbreitete 48er-Zahl war, ist nicht sicher belegt, aber es ist eine naheliegende Erklärung dafür, dass sich die Zahl der Karten auch nach den Erfordernissen des Drucks richtete.
Und das Papier selbst erzählt eine eigene Geschichte. In Basel um 1500 wurden alte Stoffreste gesammelt und in den Papiermühlen zu Papier verarbeitet, sogar verwitterte Fetzen von Vogelscheuchen. Deshalb sind aus der Zeit vor 1800 kaum Alltagskleider erhalten. Sie stecken heute als Papier in alten Drucken und Karten.
Dieselben Hände. Heiligenmaler und Kartenmaler
Der spannendste Punkt für unseren Schautisch ist die Person hinter beiden Objekten. Der Handwerker, der Andachtsbilder druckte, druckte auch Spielkarten. Das ist keine Vermutung, sondern lässt sich an den Berufsbezeichnungen selbst ablesen. Dieselben Leute hießen je nach Auftrag Briefmaler, Briefdrucker, Kartenmaler, Kartenmacher, Heiligenmaler oder Heiligendrucker. Ein Beruf, viele Namen, weil ein und dieselbe Werkstatt Urkunden, Wappen, Heiligenbilder und Spielkarten herstellte.
Dieser Berufsstand trat im 15. Jahrhundert neu in Erscheinung und deckte die steigende Nachfrage der Bevölkerung nach Bildern und Schriften außerhalb der Kirche. Die Briefmaler waren oft ihre eigenen Formschneider, schnitten also die Holzstöcke selbst, und kolorierten anschließend mit Schablonen, den sogenannten Patronen. Damit hatten sie den ganzen Herstellungsweg in einer Hand.
Die Archive belegen das mit Namen. In Nürnberg und Augsburg sind Handwerker wie Hans Paur und Hans Rist, von denen signierte Holzschnitte erhalten sind, in den Akten ausdrücklich als Kartenmacher geführt. Derselbe Mann, dessen Heiligenblätter wir heute bewundern, stand also amtlich als Kartenmacher in den Büchern. In Ulm sind bereits um 1410 Kartenmacher und Kartenmaler nachweisbar, während die Berufsbezeichnung Formschneider dort erst 1441 auftaucht. Das zeigt, wie früh das Kartengewerbe da war, noch vor der begrifflichen Trennung der Spezialisten.
Der Kartenmacher an seinem Handwerk. Aus Johann Amos Comenius, Orbis sensualium pictus, 1659.
Interessant ist auch die zunftrechtliche Seite. Die Spielkartenmacher hatten meist keine eigene Zunft, sondern schlossen sich einer bestehenden an, oft der Krämer- oder der Schreinerzunft. In größeren Zentren wie Augsburg, wo schon 1418 eine entsprechende Zunft bestand, Nürnberg, Ulm und Straßburg war das Gewerbe dennoch fest verankert. Diese süddeutschen Städte waren die frühen Zentren der Kartenproduktion in Mitteleuropa, und von hier aus gelangten die Karten über die Handelswege bis nach Tirol.
Sogar die Sprache machte zwischen fromm und profan keinen Unterschied. Das mittelhochdeutsche Wort brief meinte ursprünglich jedes beschriebene oder bemalte Blatt, ob Urkunde, Heiligenbild oder Spielkarte. Noch der Barockprediger Abraham a Santa Clara notierte, die meisten nennten die Spielkarten schlicht brief. Heiligenbild und Spielkarte lagen im selben Werkstattregal und trugen denselben Namen.
Wie eng Spiel und Drucktechnik zusammenhingen, zeigt sich am frühen Druckmarkt selbst. Fachleute sind sich einig, dass Spielkarten und billige Andachtsbilder gemeinsam die erste und häufigste Massenanwendung des Holzschnitts waren. Das Metropolitan Museum formuliert es so, dass die anfängliche Nachfrage, die den frühen Druckmarkt antrieb, der Wunsch nach Spielkarten und preiswerten Andachtsbildern war. Beide entstanden im selben Jahrzehnt, mit demselben Verfahren, oft in derselben Werkstatt.
Man liest gelegentlich, die Spielkarte habe den Holzschnitt überhaupt erst ausgelöst. Das lässt sich so nicht belegen. Der früheste datierte Holzschnitt überhaupt ist ein Andachtsbild von 1418, kein Kartenblatt, und kein ernsthafter Forscher benennt einen klaren zeitlichen Vorrang der Karte. Sicher ist nur, dass beide von Anfang an eng nebeneinander liefen und den Aufstieg des gedruckten Bildes gemeinsam trugen.
Warum Spielkarten für die Gesellschaft so wichtig waren
Kaum ein anderes Objekt verband so viele Schichten. Der Bergknappe in der Wirtsstube und der Fürst im Gemach griffen zum selben Zeitvertreib, nur die Ausführung unterschied sich. Gespielt wurde praktisch überall:
- in den Wirtsstuben und Tavernen der Städte und Dörfer
- in Klöstern, trotz kirchlicher Bedenken
- an den Höfen des Adels, dort mit kostbar gemalten Karten
Genau diese Verbreitung machte Karten umstritten. Kirche und Stadtobrigkeit sahen im Glücksspiel eine Gefahr für Moral und Vermögen. Der Wanderprediger Johannes von Capestrano zog zwischen 1451 und 1456 durch die deutschsprachigen Länder und predigte gegen die Spielwut. In Wien ließ er 1451 nach einer Predigt bei St. Stephan Karten verbrennen. Am bekanntesten ist der Scheiterhaufen in Nürnberg 1452. Ein Nürnberger Chronist berichtet, dass dort nach seiner Predigt am Lorenztag über 3600 Brettspiele, mehr als 20.000 Würfel und viele Spielkarten verbrannt wurden.
Für die Kartenmacher war das existenzbedrohend. Capestrano machte den zahlreichen Nürnberger Kartenmachern für einige Jahre den Broterwerb unmöglich. Doch der Beliebtheit des Spiels schadeten die Verbote nie. Nach dem Abzug des Predigers setzte sogar eine rege Nachfrage nach neuen Karten ein, und die Kartenmacher machten wieder ihr Geschäft. Für uns heute ist jede solche Verordnung der beste Beweis, wie verbreitet das Spiel schon war. Hinter vielen Verboten standen dabei nicht nur moralische, sondern vor allem soziale Gründe. Man wollte verhindern, dass Bürger und Bauern sich beim Spiel um Geld ruinierten.
Der Tiroler Bezug
Für unsere Region gibt es einen bemerkenswerten Beleg. Zwei der ältesten erhaltenen Kartenspiele Europas wurden in Tirol aufbewahrt, auf Schloss Ambras bei Innsbruck. Das sogenannte Hofämterspiel entstand um 1450 und ist eines der wenigen vollständig erhaltenen Decks mit allen 48 Karten. Es wurde im Holzschnitt gedruckt und anschließend mit Aquarell- und Deckfarben sowie Gold- und Silberauflagen prächtig ausgemalt. Gefunden wurde es zusammen mit dem gemalten Ambraser Hofjagdspiel in der berühmten Kunstsammlung von Erzherzog Ferdinand II. von Tirol. Beide liegen heute im Kunsthistorischen Museum Wien.
Das Hofämterspiel ist gleich doppelt interessant. Es hat genau 48 Karten, ein für die Frühzeit typischer Umfang, und es zeigt, dass der Holzschnitt schon um 1450 auch für hochwertige Karten genutzt wurde, die danach von Hand veredelt wurden. Ein solches Prunkstück war natürlich das Gegenteil der billigen Massenware. Aber es belegt, dass das Kartenspiel in Tirol auf allen Ebenen präsent war, vom fürstlichen Sammlerstück bis zum einfachen gedruckten Blatt. Die günstigen Karten, die über die Handelswege aus Basel, Augsburg oder Ulm ins Land kamen, brachten dasselbe Vergnügen zum kleinen Preis auch in die Wirtsstuben von Hall und Umgebung.
Kurz zusammengefasst
- Gedruckte Spielkarten entstanden im 15. Jahrhundert durch den Holzschnitt und wurden dadurch erstmals erschwinglich.
- Das Verfahren war identisch mit dem der Andachtsbilder: geschnittener Holzstock, Handabrieb, Kolorierung mit Schablonen. Oft stammten beide aus derselben Werkstatt.
- Karten waren in allen Schichten verbreitet und deshalb ständig von Verboten begleitet, was ihre Beliebtheit gerade belegt.
- In Tirol wurden mit dem Hofämterspiel und dem Hofjagdspiel zwei der ältesten erhaltenen Kartenspiele Europas aufbewahrt, und die Spieltradition lebt in Watten und Perlaggen bis heute fort.
Häufige Fragen
Was ist eine Holzschnitt-Spielkarte?
Eine Spielkarte, deren Bild von einem geschnitzten Holzstock auf Papier gedruckt und danach von Hand oder mit Schablonen koloriert wurde. Dieses Verfahren machte Karten ab dem frühen 15. Jahrhundert erstmals in großer Zahl und günstig herstellbar.
Seit wann gibt es gedruckte Spielkarten?
Der Beruf des Kartenmachers ist auf einem deutschen Dokument von 1402 belegt. Erhaltene gedruckte Karten gibt es erst ab den 1420er Jahren, weil ältere Blätter durch Gebrauch zerfielen.
Wurden Heiligenbilder und Spielkarten von denselben Handwerkern gemacht?
Ja. Dieselben Handwerker hießen je nach Auftrag Briefmaler, Kartenmaler oder Heiligenmaler und stellten in einer Werkstatt Urkunden, Wappen, Andachtsbilder und Spielkarten her.
Warum wurden Spielkarten im Mittelalter verboten?
Weil das Kartenspiel meist mit Glücksspiel um Geld verbunden war. Kirche und Stadtobrigkeit fürchteten um Moral und Vermögen. Wanderprediger wie Johannes von Capestrano ließen 1451 und 1452 in Wien und Nürnberg öffentlich Karten verbrennen.
Welche Farben hat das Schweizer Kartenblatt?
Schellen, Schilten, Rosen und Eicheln. Schilten und Rosen sind eine schweizerische Besonderheit, die es im deutschen Blatt nicht gibt. Statt einer Dame kennt das Schweizer Blatt den männlichen Ober.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wilhelm Ludwig Schreiber, Die ältesten Spielkarten und die auf das Kartenspiel Bezug habenden Urkunden des 14. und 15. Jahrhunderts, Heitz, Straßburg 1937. Peter F. Kopp, Die frühesten Spielkarten in der Schweiz, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 30 (1973), S. 130–145.
- Hellmut Rosenfeld, Wann und wo wurde die Holzschnittkunst erfunden? Papier-Zugänglichkeit, Zeugdruck-Kenntnis und Kartenspiel-Invasion als Voraussetzungen, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 34 (1990), S. 327–342.
- Detlef Hoffmann, Ursula Timann, Rainer Schoch, Altdeutsche Spielkarten 1500–1650. Katalog der Holzschnittkarten mit deutschen Farben, Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 1993, darin Detlef Hoffmann, Frühe Holzschnitt-Spielkarten.
- Detlef Hoffmann, Kultur- und Kunstgeschichte der Spielkarte, Jonas Verlag, Marburg 1995. RDK Labor, Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Artikel Briefmaler sowie Formschneider, Formschnitt, mit den Archivbelegen zu Hans Paur (Nürnberg) und Hans Rist (Augsburg).
- Timothy B. Husband, The World in Play. Luxury Cards 1430–1540, Metropolitan Museum of Art, New York 2016. Kunsthistorisches Museum Wien, Hofämterspiel (Inv. KK 5077–5124) und Ambraser Hofjagdspiel.
- Valeska Koal, „Ego libenter currebam ad tripudia". Die Predigten des Johannes von Capestrano im Kontext der spätmittelalterlichen Tanzdebatte, in: Frate Francesco 85 (2019), S. 331–361, mit Zitat der zeitgenössischen Nürnberger Chronik.
- Metropolitan Museum of Art, The Printed Image in the West. History and Techniques, zur gemeinsamen Frühnachfrage nach Spielkarten und Andachtsbildern.
