Ein Einblattholzschnitt ist ein einzelnes, meist nur einseitig bedrucktes Blatt Papier, das mit einem geschnittenen Holzstock hergestellt wurde. Diese Blätter entstanden im deutschen Sprachraum ab etwa 1420 und dienten überwiegend als religiöse Andachtsbilder für den privaten Gebrauch. Sie zählen zu den frühesten Werken der europäischen Druckgraphik und sind älter als Gutenbergs Buchdruck mit beweglichen Lettern.
Mit diesem Beitrag setzen wir unsere Reihe zum Handwerk Holzschnitt im Mittelalter fort. Los geht es mit der Grundfrage, die an unserem Schautisch fast immer als erste kommt: Was ist das eigentlich, und ist das schon Buchdruck?
Was bedeutet der Begriff Einblattholzschnitt?
Der Name beschreibt die Sache genau. Es ist ein einzelnes Blatt, bedruckt mit einem Holzstock, unabhängig von jedem Buch. Der Kunsthistoriker Wilhelm Ludwig Schreiber, der um 1900 den bis heute maßgeblichen Katalog dieser Blätter zusammenstellte, erfasste darin über 3000 erhaltene Einblattholzschnitte des 15. Jahrhunderts. Das zeigt, wie verbreitet diese Gattung einmal war, obwohl das meiste längst verloren ist.
Ein Detail sorgt am Tisch immer für Staunen: Die frühen Blätter sind nur auf einer Seite bedruckt. Das war kein Zufall, sondern Technik. Gedruckt wurde im Reiberdruck, bei dem das Papier von Hand auf den eingefärbten Stock gerieben wurde. Dabei drückte sich das Relief so stark durch, dass die Rückseite unbrauchbar wurde. Ein sauberer Druck auf der Schauseite, nichts auf der Rückseite. Daher der Name Einblatt.
Die Bildsprache ist klar und reduziert. Kräftige Umrisslinien, wenig Schattierung, kaum räumliche Tiefe. Das hat einen praktischen Grund. Die Blätter waren zum Kolorieren gedacht. Der Formschneider lieferte die Kontur, die Farbe kam danach von Hand dazu, oft mit Schablonen.
Bild: Die hl. Dorothea mit dem Jesuskind. Einblattholzschnitt, bayerisch oder Salzburg, um 1420, 217 × 197 mm. Staatliche Graphische Sammlung München.
Warum war der Holzschnitt so eine Neuerung?
Der Holzschnitt senkte die Kosten für ein Bild dramatisch. Ein gemaltes Andachtsbild war teuer und blieb Adel und hoher Geistlichkeit vorbehalten. Ein Holzstock dagegen liefert viele hundert Abzüge, und ein kleines, unkoloriertes Blatt kostete entsprechend wenig. Das Medium hatte damit das Potenzial, religiöse Bilder für viel mehr Menschen verfügbar zu machen als je zuvor. Damit ist naheliegend, dass das Andachtsbild durch den Holzschnitt nun für Bürger, Bauern und Bergleute erreichbar wurde.
Klar belegbar ist die Verschiebung im Glaubensleben des Spätmittelalters, in die der Holzschnitt hineinpasste. Die private Andacht zu Hause gewann an Bedeutung neben dem gemeinsamen Gottesdienst. Ein Heiliger an der Wand, ein Bildchen im Gebetbuch, ein Schutzpatron über der Tür. Genau für diesen Gebrauch waren die Blätter gemacht.
Neben den Andachtsbildern entstanden mit derselben Technik auch die ersten gedruckten Spielkarten. Wie das gedruckte Kartenspiel aufkam, zeigt unser Beitrag Spielkarten aus dem Holzschnitt.
Warum war Papier die Voraussetzung?
Ohne Papier kein Holzschnitt. Das ist der oft übersehene Punkt. Solange Bilder nur auf teures Pergament gemalt wurden, lohnte sich kein Vervielfältigen. Erst das billigere Papier machte den gedruckten Massenartikel möglich.
Die Jahreszahlen lassen sich hier präzise fassen. Die erste Papiermühle im deutschen Sprachraum nahm der Nürnberger Handelsherr Ulman Stromer 1390 in Betrieb, die umgebaute Gleismühle an der Pegnitz. Um 1450 gab es in Deutschland bereits etwa zehn Papiermühlen. In der Schweiz entstand die erste Papiermühle 1411 in Marly, in Österreich vergleichsweise spät, nämlich 1469 in St. Pölten. Der Holzschnitt setzt also genau dort an, wo das Papier verfügbar wird, im süddeutschen Raum um und nach 1400.
In Tirol weiß man von der ersten Papiermühle in Wattens, gegründet 1559 von Ludwig Lassl, dem ehemaligen Berggerichtsschreiber und wahrscheinlichen Verfasser des Schwazer Bergbuches. Das heißt, als die Einblattholzschnitte im 15. Jahrhundert entstanden, gab es in Tirol selbst noch gar keine Papierproduktion. Das Papier musste importiert werden, vermutlich über die Handelswege aus dem süddeutschen und oberitalienischen Raum.
Die Technik des Holzschnitts selbst war nicht neu. Stoffe bedruckte man in Europa schon vorher mit Holzmodeln. Neu war, dieses Verfahren auf den Bildträger Papier zu übertragen. Damit begann die europäische Druckgraphik.
Wann entstanden die ersten Einblattholzschnitte?
Hier lohnt sich Genauigkeit, denn die Datierung ist ein Feld, auf dem viel Ungefähres kursiert. Die moderne Forschung datiert die frühesten erhaltenen Blätter mit Hilfe von Papieranalysen, konkret über die Wasserzeichen, und über den Fundzusammenhang.
Drei gut untersuchte Beispiele zeigen den Stand:
- Der Holzschnitt "Die Marter des heiligen Sebastian" in der Staatlichen Graphischen Sammlung München ist auf Papier gedruckt, das sich auf den Zeitraum 1406 bis 1412 eingrenzen lässt. Das ist eines der frühesten fassbaren Blätter überhaupt.
- Ein Holzschnitt, der in einer 1410 datierten Handschrift des Klosters St. Zeno in Reichenhall bei Salzburg eingeklebt war, wird auf etwa 1410 bis 1420 datiert.
- Der Holzschnitt "Tod Mariens" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg ist auf Papier gedruckt, das 1422 in Ansbach nachweisbar ist, und wird entsprechend auf die Zeit vor 1422 datiert.
Der berühmteste frühe Beleg ist zugleich ein Warnsignal gegen zu viel Vertrauen in Jahreszahlen. Der "Heilige Christophorus" aus dem Kloster Buxheim bei Memmingen trägt die eingedruckte Jahreszahl 1423 und galt lange als der älteste datierte Holzschnitt Europas. Die Forschung hat aber gezeigt, dass seine stilistischen Merkmale erst zu Blättern passen, die um 1450 entstanden. Die eingeschnittene Jahreszahl muss also nicht das Herstellungsjahr des Drucks sein. Solche Fälle mahnen zur Vorsicht.
Man kann also sagen: Die ersten fassbaren Einblattholzschnitte entstehen im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts, die Blütezeit liegt in dessen zweiter Hälfte.
Bild: Der hl. Hieronymus. Einblattholzschnitt, anonym, deutsch, 15. Jahrhundert. The Metropolitan Museum of Art, New York, Bequest of James Clark McGuire.
Wo entstanden die ersten Einblattholzschnitte?
Die ältesten Blätter stammen aus dem bayerisch-salzburgischen und alpenländischen Raum, vorwiegend aus Klöstern. Für uns als Mittelalterverein in Hall in Tirol ist das der spannendste Punkt, denn die Wiege dieser Kunst lag vor unserer Haustür.
Das lässt sich bis heute an der Überlieferung ablesen. Weil die frühesten Holzschnitte in diesem Raum entstanden, haben sie dort auch überdauert. Die Staatliche Graphische Sammlung München besitzt den weltweit bedeutendsten Bestand, größtenteils aus bayerischen Klosterbibliotheken, die im Zuge der Säkularisation 1803 aufgelöst wurden. Wer heute die absolute Frühzeit des Holzschnitts sehen will, schaut auf Objekte aus unserer weiteren Nachbarschaft.
Dass auch Tirol Teil dieser Überlieferung ist, zeigt der Schreiber-Katalog selbst. In der zugehörigen Reihe der Einblattdrucke wurden unter anderem die Holz- und Metallschnitte der Universitätsbibliothek Innsbruck sowie der Studienbibliothek Salzburg erfasst. Die frühen Blätter sind also auch in Tiroler und salzburgischen Sammlungen verwahrt.
Gibt es einen Bezug zu Hall in Tirol?
Einen Einblattholzschnitt aus einer sicher belegten Haller Werkstatt gibt es nicht. Das wäre unseriös zu behaupten. Solche Blätter tragen fast nie einen Herstellungsort, und die Tiroler Überlieferung ist dünn.
Was sich mit gutem Gewissen sagen lässt: Hall lag mitten in der Kernregion dieses neuen Mediums. Die Stadt war im 15. Jahrhundert durch den Salzabbau im Halltal und den Handel am Inn wohlhabend und gut vernetzt. Über die Handelswege kamen Waren aus Salzburg, Augsburg und dem Rheinland nach Tirol, und Andachtsbilder reisten womöglich mit. Ein Nikolaus an der Wand eines Haller Bürgerhauses oder ein Schutzheiliger in der Kammer eines Salzarbeiters wäre historisch gut vorstellbar.
Kurz zusammengefasst
- Ein Einblattholzschnitt ist ein einzeln bedrucktes Blatt, bei den frühen Stücken nur auf der Vorderseite, hergestellt ab etwa 1420.
- Er war das erste Bildmedium, das man vervielfältigen und günstig verkaufen konnte, und brachte damit Andachtsbilder in private Haushalte.
- Voraussetzung war das billigere Papier. Die erste Papiermühle im deutschen Sprachraum entstand 1390 bei Nürnberg.
- Die frühesten fassbaren Blätter werden über Papier- und Wasserzeichenanalysen auf das erste Viertel des 15. Jahrhunderts datiert, etwa der Münchner Sebastian auf 1406 bis 1412.
- Die Wiege dieser Kunst liegt im bayerisch-salzburgischen und alpenländischen Raum, also in der Nachbarschaft von Hall in Tirol.
Wie dieselbe Technik auch das Kartenspiel unter die Leute brachte, liest du in unserem Beitrag Spielkarten aus dem Holzschnitt.
Häufige Fragen
Was ist ein Einblattholzschnitt einfach erklärt?
Ein einzelnes Blatt Papier, das mit einem geschnittenen Holzstock bedruckt wurde. Es zeigt meist einen Heiligen oder eine religiöse Szene und diente als günstiges Andachtsbild für zu Hause.
Wie alt sind Einblattholzschnitte?
Die ältesten erhaltenen Blätter werden über Papieranalysen auf das erste Viertel des 15. Jahrhunderts datiert. Der Holzschnitt "Die Marter des heiligen Sebastian" in München ist auf Papier von 1406 bis 1412 gedruckt.
Warum sind frühe Einblattholzschnitte nur einseitig bedruckt?
Weil sie im Reiberdruck von Hand hergestellt wurden. Das Papier wurde so stark auf den Holzstock gerieben, dass sich das Relief durchdrückte und die Rückseite unbrauchbar machte.
Wer war Wilhelm Ludwig Schreiber?
Ein Bibliothekar und Kunsthistoriker, der um 1900 den bis heute grundlegenden Katalog der Holz- und Metallschnitte des 15. Jahrhunderts erstellte. Nach seinen Nummern werden die Blätter bis heute zitiert.
Wo kann man mittelalterliche Einblattholzschnitte heute sehen?
Die größte Sammlung besitzt die Staatliche Graphische Sammlung München. Frühe Blätter sind aber auch in Innsbruck, Salzburg, Nürnberg, Berlin und Wien verwahrt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Wilhelm Ludwig Schreiber: Handbuch der Holz- und Metallschnitte des XV. Jahrhunderts. 8 Bände, Karl W. Hiersemann, Leipzig 1926–1930 (erweiterte Neubearbeitung des Manuel de l'amateur de la gravure sur bois et sur métal au XVe siècle). Grundlegender Katalog von über 3000 Blättern mit Größenangaben, Beschreibungen und Bestandsnachweisen.
- Paul Heitz (Hrsg.): Einblattdrucke des fünfzehnten Jahrhunderts. Heitz, Straßburg 1899–1942. Reihe mit rund 100 Bänden, darunter Band 63: Holz- und Metallschnitte der Universitätsbibliothek Innsbruck, des Stifts Schlierbach und der Studienbibliothek Salzburg.
- Peter Parshall, Rainer Schoch u. a.: Die Anfänge der europäischen Druckgraphik. Holzschnitte des 15. Jahrhunderts und ihr Gebrauch. Ausstellungskatalog, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg und National Gallery of Art Washington, Nürnberg 2005. Enthält die Papier- und Wasserzeichenanalysen zu den frühdatierten Blättern (Sebastian, Tod Mariens, Reichenhaller Blatt).
- Christoph Reske: Holzschnitt (15./16. Jahrhundert). In: Historisches Lexikon Bayerns, publiziert 2013. Fachlexikon-Artikel mit den datierten Objektbeispielen und Inventarnummern.
- Peter Schmidt: Gedruckte Bilder in handgeschriebenen Büchern. Zum Gebrauch von Druckgraphik im 15. Jahrhundert. Böhlau, Köln 2003. Grundlegend zur Einklebepraxis in Handschriften und zur Frage, wer die frühen Holzschnitte tatsächlich besaß und nutzte. Schmidt widerlegt das Stereotyp vom Holzschnitt als Bildmedium des "einfachen Volkes".
- Staatliche Graphische Sammlung München: Bestand früher Einblattholzschnitte, u. a. "Die Marter des heiligen Sebastian" (Inv. Nr. 171 505).
- Germanisches Nationalmuseum Nürnberg: "Tod Mariens" (Inv. Nr. H2) und weitere frühe Holzschnitte.
