Maria im Ährenkleid. Wie wir ein spätmittelalterliches Andachtsbild als Holzschnitt nachbauen

Seit einiger Zeit beschäftigt sich Marina bei uns im Verein mit dem Holzschnitt des 15. Jahrhunderts. Nach viel Recherche und den ersten Versuchen mit Spielkarten hat sie sich an ein besonderes Motiv gewagt: die Maria im Ährenkleid, ein Andachtsbild, wie es um 1490 in vielen Haushalten gehangen haben könnte. Der Druckstock ist fertig, der erste Abzug ist gemacht, und sie ist ehrlich gesagt ziemlich stolz auf das Ergebnis. In diesem Beitrag zeigen wir, wie sie dabei vorgegangen ist, was gut lief und wo sie bewusst zu modernen Hilfsmitteln gegriffen hat.

Warum ausgerechnet die Maria im Ährenkleid?

Das Motiv hat uns von Anfang an fasziniert. Die Maria im Ährenkleid, auch Ährenkleidmaria genannt, zeigt die junge Maria in einem langen Kleid, das über und über mit Kornähren gemustert ist. Sie steht mit gefalteten Händen und offenem, herabfallendem Haar da, oft vor einem schlichten Hintergrund.

Die Ähren sind kein Zierrat, sondern Sinnbild. Sie deuten Maria als das Feld, auf dem das Korn des Heils wächst, also Christus. Das offene Haar und der Gürtel stehen für ihre Jungfräulichkeit. Der Bildtypus war im 15. Jahrhundert im süddeutschen und alpenländischen Raum verbreitet. Die bekanntesten gemalten Beispiele stammen aus Salzburg von Rueland Frueauf dem Älteren um 1495 und aus dem Salzkammergut vom Meister von Mondsee um 1497. Beide Regionen grenzen unmittelbar an Tirol und waren über den Salzhandel eng mit Hall verbunden.

Als Vorlage diente uns ein erhaltener Einblattholzschnitt der Ährenkleidmaria aus den Rheinlanden, der um 1490 entstand. Wichtig ist uns die ehrliche Einordnung: Wir bauen nicht exakt ein bestimmtes Original nach, sondern rekonstruieren das Motiv und die Machart. Einen Ährenkleid-Holzschnitt mit belegter Tiroler Herkunft gibt es nicht, aber der Typus war im ganzen angrenzenden Alpenraum präsent.

Rheinlande um 1490, Holzschnitt. Bildquelle: Galerie Kornfeld Auktionen AG

Vom Motiv zum Druckstock: unser Vorgehen

Ein Holzschnitt entsteht nicht in einem Schritt. Bei uns lief es in mehreren Etappen, die wir hier der Reihe nach zeigen.

Motivübertragung der Maria im Ährenkleid auf den Holzstock mit Foto Transfer Potch

1. Das Motiv auf den Stock bringen

Zuerst musste das Motiv seitenverkehrt auf den Holzstock. Hier haben wir uns bewusst für einen modernen Weg entschieden und mit Foto Transfer Potch gearbeitet, einem Transfermedium, mit dem sich ein ausgedrucktes Bild auf den Untergrund übertragen lässt. Das Ergebnis war eine saubere, seitenverkehrte Vorlage direkt auf dem Holz, an der wir uns beim Schneiden orientieren konnten.

Das ist ausdrücklich nicht die historische Methode, dazu unten mehr. Für einen ersten Test wollten wir aber eine präzise Vorlage haben, um uns ganz auf das Schneiden konzentrieren zu können.

Schneiden des Druckstocks für den Holzschnitt Maria im Ährenkleid mit Hohleisen

2. Das Schneiden

Dann kam der eigentliche Holzschnitt. Mit Messern und Hohleisen haben wir alle Flächen weggeschnitten, die später nicht drucken sollen. Stehen bleibt nur, was schwarz erscheint, also die Konturlinien des Bildes. Das ist der Kern der Technik und verlangt Geduld. Jeder Schnitt ist endgültig. Was einmal weg ist, lässt sich nicht zurückholen. Gerade die feinen Linien im Haar und in den Ähren waren eine Herausforderung.

3. Der erste Druck

Zum Schluss der spannendste Moment: der erste Abzug. Wir haben den Stock eingefärbt, das Papier aufgelegt und von Hand abgerieben. Als wir das Blatt abgezogen haben, war die Maria zum ersten Mal als Druck zu sehen. Für einen ersten Test sieht das Ergebnis wirklich schön aus, die Linien kommen klar, das Bild wirkt.

Ehrlich bleiben: was am Test modern war

Uns ist wichtig, den Unterschied zwischen Rekonstruktion und moderner Umsetzung offen zu benennen. Bei diesem ersten Versuch hat Marina zwei Dinge verwendet, die es im 15. Jahrhundert nicht gab.

Erstens das Holz. Sie hat in asiatisches Sperrholz geschnitten, ein modernes, gleichmäßiges Industrieprodukt. Historisch schnitt man in massives Obst- oder Hartholz, vor allem Birnbaum, aber auch Apfel oder Buchsbaum, und zwar längs zur Faser. Die Spielkarten schneidet sie übrigens in Birkenholz, das dem historischen Vorgehen schon näher kommt.

Zweitens die Motivübertragung. Statt des Foto Transfer Potch hätte der historische Handwerker das Motiv anders auf den Stock gebracht. Der gehobelte Stock wurde oft mit einer dünnen Kreideschicht grundiert, und darauf zeichnete man das Bild auf. In größeren Werkstätten gab es dafür sogar einen eigenen Fachmann. Eine Nürnberger Kostenaufstellung von 1497 nennt drei beteiligte Handwerker: ein Maler entwarf das Motiv, ein Reißer übertrug es auf den Stock, und ein Formschneider schnitt es. Interessant dabei ist, dass der Formschneider mit Abstand am besten bezahlt wurde, das Schneiden war die anspruchsvollste Arbeit.

Warum sie es trotzdem so gemacht hat? Weil es ein erster Test war. Sie wollte die Technik des Schneidens und Druckens kennenlernen, bevor sie sich an die zusätzlichen Hürden von historischem Holz und historischer Übertragung wagen. Eine spätere, historisch getreuere Version ist gut denkbar.

Was wir daraus gelernt haben

Der erste Druck hat uns viel gezeigt. Wie viel Kraft der Abrieb braucht, wie fein man schneiden kann und wo das Material an seine Grenzen kommt. Vor allem aber, wie durchdacht das Handwerk der alten Formschneider war. Jeder Handgriff, den Marina zum ersten Mal gemacht hat, war für sie tägliche Routine, und ihre Blätter erreichten eine Feinheit, die großen Respekt abverlangt.

Für uns als Mittelalterverein ist so ein Projekt genau das, worum es beim Living History geht. Nicht nur über ein Handwerk lesen, sondern es mit den eigenen Händen ausprobieren, mit allen Fehlern und Aha-Momenten, die dazugehören.

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